EIN ‚HOMINIDE IN DER VOGELWELT‘: Saatkrähe (Corvus frugilegus)
Die Saatkrähe ist eine große Krähe mit einem markanten, und - verglichen mit der Rabenkrähe - dünnerem Schnabel und einem überwiegend schwarzen Gefieder mit stahlblauem oder rötlichen Glanz. Sie ist ein Vogel der Tieflande, in den Alpen fehlt sie völlig. Jungvögel bekommen mit 8 Monaten das Aussehen der erwachsenen Saatkrähen, die mit ihrem Gefieder-freien Schnabel unverwechselbar sind. Wegen ihrer beeindruckenden Intelligenz werden sie als ‚die Hominiden der Vogelwelt‘ bezeichnet*. In Deutschland gibt es Kolonien, deren Standorte mit bewundernswertem Einfallsreichtum verteidigt werden. Zusätzlich gibt es große Schwärme, die aus dem Norden Russlands zu uns kommen und den Winter bei uns verbringen. Hier suchen sie auf Feldern, Äckern und Wiesen nach bodenlebenden Insekten, toten Tieren, Regenwürmern und Mäusen. Saatkrähen sind soziale Vögel, die gemeinsam in hohen Bäumen übernachten. Spektakulär sind die Sammel- und Übernachtungsplätze im Winter, z.B. auf den Bäumen im Eingangsbereich des Nymphenburger Parks in München. * D.T.Ksepka: American Scientist 1976
Ich hatte als Schüler eine Saatkrähe. Sie war flugunfähig, weil bei einem Unfall ein Flügel gebrochen und unglücklich verwachsen war. Sie war deshalb in einer Voliere untergebracht, wo ich sie so oft wie möglich aufsuchte. Sie gewöhnte sich, frei von Misstrauen, sofort an mich und ließ sich gern umhertragen, wobei sie jede Begegnung mit Menschen oder mit dem Dackel des Hauses lautstark kommentierte. Ihr unerwartetes Interesse an meinen Zeichnungen und Malereien zeigte sie, indem sie sich beim Zeichnen auf meinen linken Arm oder die Schulter setzte und mir beim Zeichnen zusah. Ich hatte als Schüler nicht die Zeit, dieses Interesse näher zu untersuchen, aber es schien mir, dass sie besondere Aufmerksamkeit zeigte, wenn ich Rabenvögel malte. Es wurde deutlich, dass sie diese Aufmerksamkeiten genoss und ich konnte deshalb vermuten, dass sie zum Beispiel während meiner Abwesenheit durch die Schule vereinsamt war. Diese Einsicht bewegte mich, sie nach etwa 1 Jahr in eine für sie abwechslungsreichere Umgebung zu geben. Ich kannte einen Privatzoo, in den ich die Saatkrähe brachte und dort begann für sie eine Art von Paradies: Es ist bekannt, dass Saatkrähen gern spielerisch ihre Umgebung erkunden und es zum Beispiel genießen, sich im Schnee zu rollen und auf abschüssiger Bahn zu rutschen. Sie war noch jung genug, um auch mit anderen Tieren zu spielen. Beobachten konnte ich das Spiel mit jungen Zwergziegen und mit einem jungen Fuchs, der es sogar duldete, dass sie sich für kurze Zeit auf seinem Rücken herumtragen ließ. Dieses Spiel zwischen Saatkrähe und Fuchs ist in der freien Natur undenkbar; denn der Fuchs gehört zum Feindbild von Rabenvögeln und diese passen in das Beuteschema des Fuchses. Dieser kleine Zoo hatte noch zahlreiche andere, paradiesisch anmutende Verhaltensweisen der anwesenden Tiere hervorgebracht.
Flüstergesang (‚Whisper Song‘) einer Saatkrähe
Der rätselhafte Gesang
Wenn ich mich der Saatkrähe in ihrer Voliere vorsichtig und unsichtbar für sie nicht sichtbar näherte, konnte ich gelegentlich einen leise vorgetragenen Gesang hören. Diese Gesangsform kann auch in der freien Natur beobachtet werden: Am 1. Januar 1999, einem Tag mit viel Sonne und Temperaturen weit unter Null Grad, sah ich am Waldrand im Süden von Braunschweig auf der Spritze einer 10 m hohen Fichte eine erwachsene Saatkrähe. Sie beachtete mich nicht und beim Näherkommen hörte ich eine leise vorgetragene melodiöse Stimme, einen stillen Gesang, dem die Saatkrähe mit voller Konzentration und sogar verzückt zuzuhören schien. Der Gesang enthielt Elemente des Gesangs von Rotkehlchen und Amsel und schien nur zur eigenen Freude vorgetragen zu sein; denn er war nur bei nächster Nähe zu hören und galt keinem Partner oder Konkurrenten, da weit und breit keine andere Saatkrähe zu sehen war.
Zum Flüstergesang sind alle Singvögel, soweit wir bisher wissen, befähigt. Diese Gesangsform ist sehr leise und wird anscheinend von Vögeln vorwiegend zu ihrem eigenen Vergnügen vorgetragen. Aber der Flüstergesang ist noch zu wenig erforscht, um abschließend etwas über Sinn und Ziel dieser Gesangsform sagen zu können.
Krähen in der Kunst
Es reichen wenige Pinsel- oder Federstriche, die charakteristischen Züge dieser großartigen Vögel wiederzugeben. Die Beispiele sind vielfältig, sie reichen vom alten Ägypten bis zur Gegenwart: Das bekannteste Werk stammt von Vincent van Gogh: Weizenfeld mit Krähen, 1890: van Gogh hat sich wahrscheinlich weniger der Intelligenz der Rabenvögel erfreut, sondern sie eher als Bedrohung empfunden. In zahlreichen Zeichnungen hat sich Wilhelm Busch der Krähe ‚Hans Huckebein‘ zugewandt, der man ihr Misstrauen gegenüber einem Jungen ansieht, der sich ihr auf einem Ast nähert.